Artikel von Christer Häberli, 21.10.2026

Seit 3.000 Jahren formen die drei monotheistischen Religionen das Bild von Sexualität, Körper und Beziehung. Dieser Artikel legt offen, wie Judentum, Christentum und Islam natürliche Sexualität pathologisierten, die Mutterlinie als Erbfolge bewusst zugunsten patriarchaler Strukturen verwarfen und warum Monogamie kein biologisches Naturgesetz ist, sondern ein Produkt religiöser Normierung und kolonialer Überformung. Von den Himba in Namibia bis zur Spermienbiologie: Was wir für selbstverständlich halten, wurde uns eingetrichtert.

Gezähmte Natur: Wie drei Religionen menschliche Sexualität in Ketten legen

Über Dogmen, Freiheit und das, was von der natürlichen Menschlichkeit übrig blieb

Es ist eine Frage, die seit Jahrtausenden auf Antwort wartet: Haben die monotheistischen Religionen die natürliche Sexualität des Menschen verdorben? Sie haben es getan. Das lässt sich beobachten, belegen und nicht ernsthaft bestreiten. Es ist höchste Zeit, diesen Zusammenhang ohne Scheu beim Namen zu nennen, Schicht um Schicht freizulegen, wie sehr das, was wir für selbstverständlich halten, tatsächlich das Produkt religiöser Normierung, kolonialer Überformung und wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit ist.

Am Anfang war das Gebot

Es ist eine historisch belegte Tatsache, die viele unbequem finden: Vor etwa 3.000 Jahren begannen die Gemeinschaften der Levante, aus denen das Judentum hervorging, die Sexualität des Menschen mit einem System aus Verboten, Geboten und Sanktionen zu umgeben, das sich bis heute in nahezu jede Ecke der Welt vorgearbeitet hat.

Die gängigen historischen Erklärungen dafür kennen wir alle: die Sicherung von Abstammungslinien in patriarchalischen Gesellschaften ohne DNA-Analyse, die Hygiene in kleinen Gemeinschaften, die rechtliche Klarheit durch die Bindung von Sexualität an die Ehe. Ich lasse das nicht gelten. Zumindest nicht als Rechtfertigung.

Denn die Frage ist nicht, ob diese Erklärungen historisch nachvollziehbar sind. Sie sind es. Die eigentliche Frage ist, ob sie das Ausmaß der Kontrolle rechtfertigen, das die abrahamitischen Religionen in Bezug auf Intimität, Körper und Begehren entwickelt haben. Dass man Abstammungslinien sichern wollte, versteht man noch. Aber warum dafür die Todesstrafe auf Ehebruch stand, warum Vergewaltigung innerhalb der Ehe in Deutschland noch bis 1997 kein anerkanntes Verbrechen war und warum einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen in Teilen der Welt noch heute als Kapitalverbrechen gilt, das erklärt sich nicht mehr aus pragmatischer Notwendigkeit. Das erklärt sich aus Machtwillen.

Es handelte sich um vorgeschobene Argumente. Man hätte die gesellschaftliche Ordnung sichern können, ohne die natürliche Sexualität zu pathologisieren, ohne Schuldgefühle zu institutionalisieren und ohne die körperliche Lust zu einer Falle auf dem Weg zur Verdammnis zu machen. Stattdessen wurde genau das getan.

Die drei Religionen und ihr unterschiedliches Erbe

Das Christentum war dabei besonders prägend für das, was wir heute als westliche Sexualmoral kennen. Es übernahm nicht nur die patriarchalen Strukturen des Alten Testaments, sondern vertiefte sie durch den Einfluss griechisch-stoischer Philosophie und durch Theologen wie Augustinus von Hippo zu einer tief empfundenen Verachtung des Körpers. Die Begierde an sich, nicht erst die unerlaubte Handlung, wurde zur Sünde erklärt. Die Lust wurde zur Feindin des Geistes.

Das hat Folgen gehabt, die bis heute spürbar sind. Die europäische Beichtpraxis des Mittelalters war kein spirituelles Angebot, sie war ein Instrument der Seelenkontrolle. Wer wöchentlich seine Gedanken und Handlungen in sexueller Hinsicht einem Geistlichen offenlegte, der sich ihnen gegenüber Absolution oder Verdammnis herausnahm, der hatte keine Privatsphäre mehr in dem einzigen Bereich seines Lebens, der dem Staat und der Öffentlichkeit bislang entzogen gewesen war.

Das Judentum geht mit der Sexualität in seiner theologischen Grundanlage weniger feindselig um als das Christentum. Die Verbindung zwischen Eheleuten gilt im rabbinischen Judentum ausdrücklich als religiöse Pflicht, die beiden Partnern Freude und Erfüllung bringen soll. Doch auch hier bildet die Kontrolle weiblicher Sexualität durch die Niddah-Gesetze und die einseitige Scheidungsgewalt des Mannes den Rahmen, innerhalb dessen diese Freiheit zu genießen ist.

Der Islam wiederum behandelt Sexualität innerhalb der Ehe als Gottesgeschenk. Außerhalb davon drohen Strafen, die in ihren extremsten Ausprägungen selbst im 21. Jahrhundert in manchen Ländern vollstreckt werden. Die Formel ist in allen drei Religionen dieselbe: Sexualität ist gut, solange sie in dem Käfig stattfindet, den die Religion gebaut hat.

Monogamie: Natur oder Konstrukt?

Ich bin der Ansicht, und viele andere teilen sie, dass Monogamie dem Menschen von Natur aus fremd ist. Sicher gibt es Menschen, die von sich aus monogam leben. Die meisten aber sind es nicht, zumindest nicht aus innerem Antrieb. Das ist keine Provokation, das ist Biologie.

Der sexuelle Dimorphismus des Menschen, also der Größen- und Körperkraftunterschied zwischen den Geschlechtern, liegt in einem Bereich, der evolutionsbiologisch weder auf strikte Monogamie noch auf extreme Polygynie hinweist, sondern auf ein Modell irgendwo dazwischen. Die Spermienkonkurrenz beim Mann, ein Phänomen, bei dem der Körper die Spermienproduktion an die wahrgenommene Konkurrenz anpasst, belegt, dass Mehrpartnerschaft in der evolutionären Geschichte des Menschen keine Ausnahme, sondern eine Realität war.

Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen und Bonobos, leben nicht monogam. Bonobos nutzen Sexualität aktiv als soziales Bindemittel, zur Konfliktlösung und zur Festigung von Gemeinschaftsstrukturen, ohne dass dies zu Chaos oder Gewalt führt, eher zum Gegenteil. Die Anthropologie zeigt zudem, dass die überwiegende Mehrheit menschlicher Gesellschaften in der Geschichte nicht strikt monogam organisiert war.

Warum sich die Monogamie dennoch global durchsetzte

Die globale Dominanz des monogamen Modells ist kein Beweis dafür, dass es der menschlichen Natur entspricht. Es ist der Beweis dafür, wie effektiv sich die abrahamitischen Religionen und der europäische Kolonialismus über den Globus ausgebreitet haben.

Wenn man einwendet, die Monogamie habe sich doch überall auf der Welt durchgesetzt und sei damit universell, dann muss man sich nur anschauen, wohin genau sich diese Religionen ausgebreitet haben: Sie sind global. Die Küsten Afrikas waren über Jahrhunderte die Einfallstore für äußere Einflüsse. Wer an der Küste Westafrikas lebte, wurde missioniert, versklavt oder kolonisiert. Wer im Inneren des Kontinents lebte, hinter den Urwäldern des Kongobeckens, in der Kalahari oder im Kaokoland Namibias, der hatte durch geografische Barrieren einen natürlichen Schutzschild. Dort finden sich bis heute Gesellschaften, die ihre Beziehungsmodelle bewahrten. Das ist kein Zufall.

Die Monogamie hatte aber auch jenseits der religiösen Gebote ganz handfeste wirtschaftliche Funktionen. Mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit und zum Ackerbau entstand das Bedürfnis, Eigentum zu vererben. Wer nicht wusste, wer der biologische Vater seines Kindes war, konnte sein Erbe nicht gezielt weitergeben. Aber: Diese Logik setzt das Patriarchat bereits als Grundlage voraus. Es hätte eine einfache Alternative gegeben, die in vielen Teilen der Welt nachweislich funktioniert hat und noch heute funktioniert: die Mutterlinie. Wer die Mutter eines Kindes ist, war zu jeder Zeit zweifelsfrei bekannt. Die Biologie macht es sogar noch deutlicher: Allein die Mutter vererbt die mitochondriale DNA, jenen Bestandteil des Erbguts, der vollständig und unverfälscht von Mutter zu Kind weitergegeben wird. Die Natur selbst hat die Mutterlinie als die biologisch eindeutige, lückenlose Abstammungslinie festgelegt. Eine zuverlässigere Grundlage für Erbfolge hätte es nicht geben können. Matrilineare Gesellschaften wie die Akan in Ghana oder die Minangkabau in Indonesien haben Eigentum, Erbschaft und soziale Stellung über Jahrhunderte problemlos über die weibliche Linie weitergegeben, ohne jede Notwendigkeit, die Sexualität von Frauen zu kontrollieren. Diese Option war bekannt. Sie wurde bewusst nicht gewählt. Nur weil man das Erbe über den Mann führen wollte, weil Besitz Männersache sein sollte und Frauen von Anfang an aus diesem System herausgedrängt wurden, entstand überhaupt ein Kontrollbedürfnis über weibliche Sexualität. Es war kein Naturgesetz und keine sachliche Notwendigkeit. Es war eine Entscheidung, die ein Machtkonstrukt errichtete und sich selbst dann als Notwendigkeit verkleidete. Die Religion übernahm dieses Konstrukt, sprach es heilig und stattete es mit der Autorität des Göttlichen aus. So entstand das Patriarchat in der Form, die wir kennen.

Auch andere Kulturen außerhalb des direkten abrahamitischen Einflussbereichs, etwa in China oder Japan, übernahmen im Zuge der Industrialisierung und Modernisierung des 19. und 20. Jahrhunderts westliche Standards, weil das monogame Kleinfamilienmodell als Zeichen von Fortschritt und Zivilisiertheit galt. Wer als gleichwertig gelten wollte gegenüber den Kolonialmächten, passte sich an. Die globale Verbreitung der Norm beweist vor allem, wie erfolgreich diese Macht- und Glaubenssysteme waren, nicht, dass Monogamie der natürliche Urzustand des Menschen ist.

Das Dorf als Urmodell: Über die Vorteile des Gemeinschaftslebens

Ich sehe in direkter Polygamie innerhalb der Gruppe viele Vorteile: Erziehung, genetische Vielfalt, höhere Resistenz gegen unvorhergesehene Unfälle, Ausfälle oder Tod. Das klingt für manche gewöhnungsbedürftig. Es ist aber schlicht Anthropologie.

Die Forschung kennt dafür einen Begriff: Alloparenting, die kollektive Aufzucht von Kindern durch mehrere Erwachsene. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy hat gezeigt, dass der Mensch sich von seinen Primatenvorfahren vor allem dadurch unterscheidet, dass er Kinder nicht nur durch Elternpaare aufzieht, sondern durch Netzwerke von Bezugspersonen. Das war in der Vorgeschichte der Menschheit der Normalfall, nicht die Ausnahme.

In der Zweielternfamilie führt der Ausfall einer Person zur Krise. In einem Netzwerk mehrerer Erwachsener verteilen sich Risiken und Verantwortung. Kinder profitieren von unterschiedlichen Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Temperamenten. Die soziale Resilienz der Gruppe ist deutlich höher. In der südamerikanischen Tieflandanthropologie ist das Konzept der partiblen Vaterschaft bekannt, die Vorstellung also, dass mehrere Männer biologisch zu einem Kind beitragen können. Das Ergebnis: Alle fühlen sich für das Kind mitverantwortlich und schützen es.

Genetisch betrachtet erzeugt größere Durchmischung innerhalb einer lokalen Gruppe eine höhere Immunvielfalt und geringere Inzuchtrisiken. Die Kleinfamilie ist aus evolutionärer Sicht ein sehr neues und in vielerlei Hinsicht fragiles Experiment.

Warum wurde dieses Modell verdrängt? Obwohl die kollektive Gruppenstruktur immense evolutionäre und soziale Vorteile bot, stand sie im direkten Widerspruch zu den Bedürfnissen sesshafter, akkumulierender Gesellschaften. Mit dem Übergang zum Ackerbau ging es nicht mehr primär um das Überleben der Gruppe, sondern um die Anhäufung von Land, Vieh und Besitz. Um Besitz gezielt an die eigenen Nachkommen zu vererben, musste die biologische Linie eindeutig sein, was die Freiheit der Sexualität und das kollektive Gruppenmodell zerstörte. Es war eine ökonomische Entscheidung, die als moralische Wahrheit verkleidet wurde.

Das Himba-Beispiel: Gastfreundschaft als Zeichen von Stärke

Ich denke dabei an die Himba in Namibia und ihren Brauch namens Okujepisa Omukazendu. Ein Gast kann das Angebot erhalten, eine Nacht mit der Frau des Hausherrn zu verbringen. Das Entscheidende: Nur wenn die Frau einverstanden ist.

Was westliche Betrachter reflexartig als Objektivierung der Frau missverstehen, ist in seiner Logik genau das Gegenteil. Der Brauch setzt das Einverständnis der Frau als absolute Bedingung voraus. Wenn sie ablehnt, schläft sie in einer eigenen Hütte. Niemand wird gedrängt, niemand übergangen. Der Brauch festigt soziale Allianzen in einer rauen Umgebung, in der Vertrauen zwischen Clans überlebenswichtig ist. Und er funktioniert nur in einer Gemeinschaft, in der Eifersucht und Besitzansprüche über den Partner keine moralische Autorität haben.

Das beweist einmal mehr, dass unsere westliche Moral nicht der universelle Maßstab ist und dass Gesellschaften sehr wohl friedlich, sozial stabil und respektvoll miteinander umgehen können, wenn man den Menschen nicht einredet, sie würden einander gehören.

Daneben existieren matrilineare Gesellschaften wie die Akan in Ghana oder die Bemba in Sambia: Abstammung, Besitz und soziale Stellung werden über die mütterliche Linie weitergegeben. Kinder gehören zur Großfamilie der Mutter. Die wirtschaftliche Absicherung der Frau ist nicht an einen einzigen Mann gebunden. Das Ergebnis ist eine strukturell andere Machtverteilung, die Frauen reale Unabhängigkeit verschafft, nicht die auf Papier gebannte Gleichberechtigung des westlichen Rechts. Dort werden Frauen respektiert und als gleichwertige, autonome Wesen wahrgenommen, deren Wert sich nicht über Züchtigkeit oder Treue gegenüber einem einzelnen Mann definiert.

Ich fürchte allerdings, dass diese Menschen in 50 oder 100 Jahren vollständig von der sogenannten Zivilisation vereinnahmt worden sein werden. Infrastruktur, Mobilfunk und Internet dringen selbst in die entlegensten Regionen vor. Staatliche Regierungen stehen unter dem Druck von Modernisierungsbestrebungen. Und was bleibt, wenn das letzte lebende Archiv einer anderen Art des Zusammenlebens geschlossen wird, ist ein globaler Einheitsbrei aus Kontrolle, Tabus und der moralischen Aufsicht von Machteliten über das intimste Leben von Menschen.

Die Hintertür der Heilsbringer

Es gibt bei diesem Thema einen Unterschied, den ich für entscheidend halte und der selten klar benannt wird: Der radikale Islam kommt von vorn. Das radikale Christentum kommt durch die Hintertür.

Der Begriff radikal bezieht sich dabei nicht nur auf sichtbare Gewalt oder extremistische Rhetorik, sondern auf den unbedingten Anspruch, die Kontrolle über das Leben, das Denken und die Körper anderer Menschen durchzusetzen. In der Wirkung unterscheiden sich beide Strömungen in vielen Teilen der Welt tatsächlich nur durch ihre Methoden.

Der islamische Extremismus in seiner gewalttätigen Form, verkörpert durch Gruppen wie Boko Haram oder Al-Shabaab, ist sichtbar und wird als Bedrohung erkannt. Der evangelikale Fundamentalismus aus den USA operiert leiser, aber strukturell kaum weniger effektiv: über gut finanzierte Nichtregierungsorganisationen, Missionswerke, Schulen und Mediennetzwerke wird ein Weltbild exportiert, das sexuelle Autonomie, gleichgeschlechtliche Beziehungen und alle abweichenden Lebensmodelle als satanisch brandmarkt. Es tritt im Namen von Entwicklungshilfe, Bildung oder Moral auf und wirkt auf den ersten Blick harmloser, entfaltet aber dieselbe zerstörerische Wirkung auf indigene Freiheiten.

Die drastische Verschärfung der Gesetze gegen Homosexualität in Uganda, Ghana und Nigeria ist kein Ausdruck eines genuinen afrikanischen Konservativismus. Sie ist das direkte Ergebnis jahrelanger Lobbyarbeit und finanzieller Investitionen US-amerikanischer evangelikaler Gruppen. Das Schwert wurde durch den Scheck ersetzt, die Wirkung bleibt dieselbe.

Am Ende verfolgen beide radikalen Ausprägungen dasselbe Ziel: die Vernichtung kultureller Vielfalt und die totale Normierung des Menschen. Beide teilen eine tief sitzende Feindseligkeit gegenüber der freien, ungebundenen Sexualität, der Autonomie von Frauen und der Akzeptanz des menschlichen Körpers. Beide dulden keine Alternativen neben sich. Ob der Zwang mit dem Schwert, dem Gesetzbuch oder den Scheckbüchern von Missionswerken durchgesetzt wird, macht für die Menschen vor Ort keinen Unterschied.

Der Mensch gehört sich selbst

Ich frage mich ernsthaft: Wie kann man jemanden, den man sich als Partner gesucht und gefunden hat, als exklusives Eigentum betrachten? Das ist komplett daneben. Es ist eine der tiefsten Fehlentwicklungen unserer Kulturgeschichte.

Die Entstehung des Besitzdenkens in Beziehungen ist historisch gut belegt. Dass Liebe und Sexualität mit Eigentumsansprüchen gleichgesetzt werden, ist kein natürliches Phänomen, sondern das Resultat jahrtausendelanger Prägung. Die Ehe war über Jahrhunderte ein Vermögenstransfer. Die Frau wechselte juristisch aus dem Besitz des Vaters in den Besitz des Ehemanns. Auch wenn das Recht dies heute nicht mehr so formuliert, wirkt dieses kulturelle Erbe im Unbewussten massiv nach.

Eifersucht funktioniert in diesem Modell nicht als emotionale Reaktion auf Verletzung, sondern als Besitzstandswahrung. Die Zuwendung des Partners an einen anderen Menschen wird als Angriff auf das eigene Eigentum wahrgenommen, nicht als Ausdruck seiner Lebendigkeit. Die romantische Illusion der Verschmelzung, also die Idee, dass zwei Menschen eins werden müssen, verleitet oft dazu, dem anderen die individuelle Autonomie abzusprechen. Sobald der Partner eigene Wege geht oder andere Bedürfnisse spürt, wird das fälschlicherweise als Verrat empfunden.

Wenn man aufhört, Menschen wie Eigentum zu behandeln, verändert sich das Fundament von Beziehungen grundlegend. Ein Mensch gehört immer nur sich selbst. Seine Sexualität, seine Gedanken und seine Entwicklung sind sein eigenster Raum. Ein Partner kann daran teilhaben, aber er besitzt diesen Raum nicht. Wenn kein Vertrag, keine gesellschaftliche Erwartung und kein Besitzanspruch jemanden bindet, ist jeder Tag, den man miteinander verbringt, eine echte, freiwillige Entscheidung. Das verleiht einer Verbindung viel mehr Tiefe und Respekt als jede erzwungene Treue.

Die gesellschaftliche Infrastruktur des Westens ist auf diese Freiheit nicht eingestellt. Steuerklassen, Mietrecht, Sozialversicherungssysteme und die kulturelle Produktion von Film und Werbung operieren fast ausschließlich im Referenzrahmen der exklusiven Paarbeziehung. Wer abweicht, kämpft nicht nur gegen Vorurteile, sondern gegen ein System, das für ihn schlicht nicht gebaut wurde.

Die Frau im Regen: Ein globales Versagen

Ich möchte auf etwas hinweisen, das im westlichen Diskurs selten so direkt ausgesprochen wird. Es beginnt mit der historischen Wurzel: Das Judentum hat mit der Entrechtung und Degradierung von Frauen begonnen. Christentum und Islam haben das schlicht übernommen und global verbreitet. Und heute?

Das Erbe des Patriarchats

Der Sündenfallmythos der Genesis macht die Frau zur Verführerin und Verantwortlichen für das Leid der Menschheit. Die hebräische Bibel behandelt Frauen primär als rechtlich Abhängige von Vätern oder Ehemännern, ohne eigene Erbrechte, ohne eigene Entscheidungsgewalt. Das Christentum und der Islam übernahmen dieses Grundmodell und verbreiteten es über die Welt.

Das Problem hält bis heute an: Im orthodoxen Judentum liegt die Ausstellung des Scheidungsbriefs (Get) allein beim Mann. Ohne seine Zustimmung ist eine Frau rechtlich an eine Ehe gebunden, die sie verlassen möchte. Das ist keine Tradition aus der Antike. Das gilt heute.

Der Westen: Gesetze auf Papier

Deutschland hat die eheliche Vergewaltigung erst 1997 vollständig als Verbrechen anerkannt. Bis 1977 durfte eine verheiratete Frau nur dann arbeiten gehen, wenn der Ehemann nicht widersprach und dies mit ihren häuslichen Pflichten vereinbar war. Heute verdienen Frauen bei vergleichbarer Qualifikation im Schnitt weniger. Unbezahlte Sorgearbeit wird überwiegend von Frauen geleistet und führt zu systematischer Altersarmut.

Fast jeden zweiten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Expartner getötet. Frauenhäuser sind chronisch überfüllt. In einigen Bundesländern müssen betroffene Frauen ihren Aufenthalt im Schutzhaus selbst bezahlen, wenn kein direkter Sozialhilfeanspruch besteht. Annäherungsverbote schrecken entschlossene Täter kaum ab. Das ist die Realität hinter dem Slogan der Gleichberechtigung.

Der westliche Emanzipatismus wird von vielen Kritikern zurecht als Umdeutung entlarvt. Es ging historisch oft weniger um die echte Würde der Frau, sondern darum, dem Arbeitsmarkt weitere Arbeitskräfte zuzuführen. Die Kehrseite: Frauen tragen heute die Doppelbelastung aus Erwerbsarbeit und unbezahlter Sorgearbeit, während gesellschaftlich wichtige Rollen wie Mutterschaft ökonomisch entwertet werden. Viele Frauen im Westen erleben diese Form der Gleichberechtigung nicht als Befreiung, sondern als verordnete Funktionalisierung im Wirtschaftssystem.

Russland: Kulturelle Substanz ohne staatliche Struktur

In Russland ist die gesellschaftliche Rolle der Frau eine andere, und das seit Jahrhunderten. Frauen gelten dort als emotionaler, organisatorischer und oft auch wirtschaftlicher Mittelpunkt von Familie und Gemeinschaft. Der Respekt vor der Mutter ist kulturell tief verankert, nicht verordnet. Frauen stellen einen erheblichen Anteil der Erwerbstätigen in Bildung, Medizin und Verwaltung. Schlicht ausgedrückt: Russlands Gesellschaft trägt ihre Frauen. Der russische Staat nicht unbedingt. Und bei uns? Weder das eine noch das andere.

Die russische Gesetzgebung hat mit der Entscheidung von 2017, bestimmte Formen häuslicher Gewalt zu bloßen Ordnungswidrigkeiten zu erklären, eine echte Schutzlücke geschaffen. Das ist ernst zu nehmen. Aber ich stelle die Frage, die im westlichen Diskurs konsequent vermieden wird: Wie sauber ist denn unser eigenes System? Wenn fast jeden zweiten Tag eine Frau in Deutschland getötet wird, wenn Frauenhäuser keine Betten haben und Annäherungsverbote auf dem Papier stehen, dann hat der Westen wenig Grund, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Es gibt im Westen eine Neigung, bei der Erwähnung russischer Stärken sofort einen Einwand nachzuschieben. Das hat konkrete Ursachen: Der Westen definiert sich über den Anspruch, das globale Vorbild für Menschen- und Frauenrechte zu sein. Um diesen Anspruch aufrechtzuerhalten, müssen Mängel im eigenen System relativiert und Mängel in anderen Systemen hervorgehoben werden. Indem man auf Gesetzgebungslücken im Ausland zeigt, lenkt man davon ab, dass man im eigenen Land trotz aller Gesetze die reale Gewalt und die ökonomische Benachteiligung von Frauen seit Jahrzehnten nicht in den Griff bekommt. Eins zu null für Russland, würde ich sagen, was die gesellschaftliche Substanz angeht.

Das Fazit fällt ernüchternd aus: Russland hat die kulturelle Substanz ohne ausreichende staatliche Sicherungsstruktur. Der Westen hat Gesetze und Institutionen ohne die kulturelle Substanz des echten Respekts. Und Frauen zahlen in beiden Systemen einen zu hohen Preis. Echte Sicherheit und Wertschätzung entstehen erst, wenn gesellschaftlicher Respekt und verlässlicher Schutz Hand in Hand gehen, anstatt sich gegenseitig zu ersetzen.

Was bleibt

Die Themen, über die ich hier geschrieben habe, werden in der öffentlichen Debatte selten so direkt ausgesprochen: dass unsere Sexualmoral im Wesentlichen das Produkt religiöser Machtkonstrukte ist. Dass Monogamie keine biologische Konstante ist, sondern ein kulturelles Experiment, das mit der Entstehung des Privateigentums begann. Dass die Welt außerhalb des abrahamitischen Einflussbereichs Antworten bereithält auf Fragen, die wir uns im Westen kaum zu stellen trauen. Und dass die Art, wie wir über Frauen sprechen, oft mehr über unser eigenes Unbehagen verrät als über die Frauen selbst.

Denn genau das ist der Kern des Problems: Wir haben Dogmen so tief in unsere Vorstellung von Normalität eingeschrieben, dass wir sie für die Natur der Dinge halten. Scham beim Sex ist keine Natur. Eifersucht als Liebe ist keine Natur. Die Frau als Eigentum ist keine Natur. Die Kleinfamilie als einzig legitime Sozialform ist keine Natur.

Das sind Konstruktionen. Und Konstruktionen lassen sich hinterfragen. Das ist der Anfang von allem.

 

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