„Alles viel zu schnell“ Die Treuhand, die Protokolle und die Erfahrung eines Landes

Symbolbild

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Als die Volkskammer am 17. Juni 1990 das Treuhandgesetz verabschiedete, schrieb die Bundesregierung später nüchtern:
„Die Treuhandanstalt entsteht; sie soll rund 8.500 Staatsbetriebe privatisieren.“
Ein Satz, der klingt wie Verwaltung und sich für Millionen Menschen wie ein Erdbeben anfühlte.

Mein Vater, kein Freund der DDR, aber ein Mann mit klarem Blick, sagte damals:
„Wenn ein Riese und ein Zwerg sich vereinen, wer behält dann die Oberhand?“
Und er sagte noch etwas, das viele Ostdeutsche bis heute unterschreiben würden:
„Alles viel zu schnell.“

Die Geschwindigkeit war politisch gewollt und dokumentiert

In den Bundestagsprotokollen jener Monate findet sich ein Satz, der die Haltung der Bundesregierung präzise einfängt. Helmut Kohl sagte am 31. Mai 1990 im Bundestag:
„Was wir hier erleben, ist die Geburtsstunde des freien und einigen Deutschland.“
Doch in den wissenschaftlichen Ausarbeitungen des Bundestages liest man eine andere Tonlage. Dort heißt es rückblickend:
„Die DDR begab sich auf den Weg des Wandels von der sozialistischen Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft nach bundesdeutschem Vorbild.“

Das klingt nach einem Prozess.
Doch es war kein Prozess.
Es war ein Sturz.

Die Treuhand: Kein Schicksal, sondern Entscheidungen

Die Treuhand war keine Naturgewalt.
Sie war eine Behörde, mit Namen, mit Leitung, mit Mandat.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages beschreibt sie so:
„Die Treuhandanstalt war eine Anstalt des öffentlichen Rechts mit der Aufgabe, die volkseigenen Betriebe der DDR zu privatisieren oder stillzulegen.“

Das Wort „stillzulegen“ steht da so nüchtern, als ginge es um Maschinen.
Doch es ging um Menschen, Familien, Städte.

Die Treuhand selbst schrieb in ihren Berichten, sie habe „ohne historisches Vorbild“ gehandelt.
Das stimmt.
Aber „ohne Vorbild“ heißt auch: ohne Fairness, ohne Zeit, ohne Übergang, ohne Anerkennung, ohne Respekt, ohne Gerechtigkeit..

Die wissenschaftliche Analyse: Eine „Bad Bank“ der Erinnerung

In der großen Studie von Goschler und Böick heißt es, die Treuhand sei in der ostdeutschen Erinnerung zu einer „Bad Bank des Ostens“ geworden.
Nicht, weil Ostdeutsche nostalgisch wären.
Sondern weil sie erlebt haben, wie Entscheidungen über ihre Köpfe hinweg getroffen wurden.

Die Studie beschreibt, wie die Bundesregierung und die Treuhand sich selbst „affirmativ“ darstellten, also verteidigend, rechtfertigend, selbstbestätigend.
Während Gewerkschaften und Opposition schon damals von „Strukturpolitik oder Generalkritik“ sprachen.

Mit anderen Worten:
Die Warnungen waren da.
Sie wurden ignoriert.

Die Zahlen: 14.000 Betriebe und ein Land, das verschwand

Die Treuhand selbst dokumentiert, dass sie über 14.000 Betriebe entschied.
Viele wurden verkauft.
Viele wurden geschlossen.
Viele wurden „abgewickelt“, ein Wort, das bis heute wie ein kalter Wind durch ostdeutsche Familienbiografien zieht.

Die Bundesregierung schreibt rückblickend:
„Die unternehmerische Tätigkeit des Staates sollte so rasch und so weit wie möglich zurückgeführt werden.“

„So rasch wie möglich.“
Das war die Leitlinie.
Nicht: „so sozial wie möglich“.
Nicht: „so stabil wie möglich“.
Nicht: „so gerecht wie möglich“.

Die Erfahrung: Ein Land, das schneller verschwand, als es sich erklären konnte

Mein Vater sagte damals:
„Alles viel zu schnell.“
Und er war nicht allein.

Viele Ostdeutsche hatten nie ein Problem damit, dass sich etwas ändern musste.
Aber sie hatten ein Problem damit, wie es geschah:

  • ohne Übergang
  • ohne Schutz
  • ohne Anerkennung
  • ohne Respekt
  • ohne Zeit

Die Bundestagsdokumente bestätigen das, ohne es zu wollen.
Sie sprechen von „rascher Privatisierung“, von „Rückführung staatlicher Tätigkeit“, von „Privatisierung oder Stilllegung“.

Kein Wort über die Menschen.
Kein Wort über die Folgen.
Kein Wort über die Geschwindigkeit.

Die Wahrheit: Ostdeutsche sind nicht das Problem, sie sind das Protokoll

Wenn man die Protokolle liest, die Studien, die Regierungsdokumente, dann wird klar:

Der Osten ist nicht schwierig.
Er wurde überrollt.

Der Osten ist nicht rückständig.
Er wurde entwertet.

Der Osten ist nicht empfindlich.
Er wurde übersehen.

Und trotzdem haben Ostdeutsche ihre Würde behalten.
Ihre Erfahrung.
Ihre Klarheit.
Ihre Fähigkeit, Wandel zu überstehen.

Sie sind nicht die Randnotiz.
Sie sind das Protokoll.

Und vielleicht ist es Zeit, endlich zu sagen, was mein Vater schon 1990 wusste:
„Wenn ein Riese und ein Zwerg sich vereinen, bestimmt der Riese das Tempo.“

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Denn heute, drei Jahrzehnte später, beginnt der Zwerg zu sprechen.
Und Deutschland sollte zuhören.

 

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