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Eine Recherche über systemische Compliance-Versagen, politische Verflechtungen und die Frage, warum eine der größten deutschen Banken einen verurteilten Sexualstraftäter als "Tier 1-Kunden" behandelte
März 2026
Im August 2013 traf die Deutsche Bank eine Entscheidung, die ihr später Hunderte Millionen Dollar an Strafen und einen massiven Reputationsschaden einbringen sollte. Sie nahm Jeffrey Epstein als Kunden auf, einen Mann, der fünf Jahre zuvor wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt worden war und als registrierter Sexualstraftäter geführt wurde.
Die Information über Epsteins kriminelle Vergangenheit war nicht versteckt. Ein junger Bankmitarbeiter hatte sogar ein internes Memo verfasst, das Epsteins Verurteilung, seine 13-monatige Haftstrafe und 17 außergerichtliche Vergleiche wegen sexuellen Missbrauchs detailliert auflistete. Doch das Memo erreichte nie die Entscheidungsträger, oder wurde ignoriert.
Was folgte, war eine fünfjährige Geschäftsbeziehung, die zeigt, wie eine der größten deutschen Banken systematisch ethische Standards und Compliance-Vorschriften zugunsten lukrativer Geschäfte missachtete. Und die Geschichte geht weit über Epstein selbst hinaus.
Als JPMorgan Chase sich 2013 von Jeffrey Epstein trennte, sah die Deutsche Bank eine Chance. Ein Relationship Manager, der zuvor bei JPMorgan mit Epstein gearbeitet hatte, brachte den Geschäftsvorschlag zur deutschen Bank: Potenzielle jährliche Einnahmen von 2 bis 4 Millionen Dollar aus Vermögenswerten im Wert von 100 bis 300 Millionen Dollar.
Die Führungsebene war interessiert. Epstein wurde intern als "goldener Türöffner" zu anderen ultra-vermögenden Personen bezeichnet. Man stufte ihn als "Tier 1 Relationship" ein, die höchste Kategorie für strategisch wichtige Kunden. Dass er gleichzeitig als "high-risk client" und sogar als "honorary politically exposed person" klassifiziert wurde, störte offenbar niemanden.
Die Deutsche Bank eröffnete über 40 Konten für Epstein und seine verschiedenen Briefkastenfirmen. Die Geschäftsbeziehung dauerte bis Ende 2018, erst nachdem der Miami Herald eine investigative Serie über Epsteins Taten veröffentlichte, beendete die Bank die Zusammenarbeit.
Die New Yorker Finanzaufsichtsbehörde (NYDFS) stellte später fest, was in diesen fünf Jahren über Epsteins Konten bei der Deutschen Bank lief:
All diese Transaktionen hätten Alarmsignale auslösen müssen. Doch die Bank ließ sie passieren.
Die Geschichte der Deutschen Bank mit Epstein ist auch eine Geschichte von systematisch ignorierten internen Warnungen:
Die Botschaft war klar: Profit ging vor Compliance.
Die Beziehung zwischen der Deutschen Bank und Epstein war nicht nur eine bilaterale Geschäftsbeziehung. Sie war ein Knotenpunkt in einem weitreichenden Netzwerk von Einfluss und Macht, das bis in die höchsten Kreise von Politik, Wirtschaft und Medien reichte.
Lange bevor Donald Trump Präsident wurde, war er Problemkunde bei den meisten Wall Street-Banken. Mehrere Kreditausfälle in den 1990er Jahren hatten dafür gesorgt, dass ihn kaum jemand mehr finanzieren wollte. Nur eine Bank blieb: die Deutsche Bank.
Von 1998 bis in seine Präsidentschaft hinein erhielt Trump Kredite in Höhe von über 2 Milliarden Dollar von der Deutschen Bank, für den Trump Tower in Chicago, das Old Post Office in Washington D.C. und andere Projekte. Intern gab es wiederholt Bedenken wegen Trumps Finanzangaben und möglicher Betrugsvorwürfe.
Trump hatte auch eine dokumentierte soziale Beziehung zu Jeffrey Epstein in den 1990er und frühen 2000er Jahren, einschließlich gemeinsamer Flüge in Epsteins Privatjet. Beide waren also Kunden derselben Bank, Trump seit Jahrzehnten, Epstein ab 2013.
Die Verbindung wurde so bedeutend, dass in einer E-Mail Epstein selbst den ehemaligen CEO der Deutschen Bank, Josef Ackermann, im Zusammenhang mit Trumps Schulden bei der Bank erwähnte.
Leon Black, Mitbegründer der Private-Equity-Firma Apollo Global Management, zahlte Jeffrey Epstein zwischen 2012 und 2017 insgesamt 158 Millionen Dollar, angeblich für Steuer- und Nachlassberatung. Diese Zahlungen erfolgten nach Epsteins Verurteilung 2008.
Was macht diese Verbindung zur Deutschen Bank relevant? Die Zahlungen von Black an Epstein liefen ab 2013 über Epsteins Konten bei der Deutschen Bank. Interne Dokumente zeigen, dass mindestens eine dieser Transaktionen als ungewöhnlich markiert wurde. Doch statt die Geschäftsbeziehung zu überdenken, sah die Bank darin eine Chance: Man hoffte, über Epstein auch Leon Black selbst als Kunden zu gewinnen.
Im Oktober 2016 schrieb David Stern, ein deutsch-französischer Geschäftsmann und enger Berater von Prinz Andrew, eine bemerkenswerte E-Mail an Jeffrey Epstein. Der Inhalt: ein Vorschlag, die Deutsche Bank zu kaufen.
Stern spekulierte, dass die Monarchie von Katar, damals größte Aktionärin der Bank, über den Einfluss von Prinz Andrew ("aligned via PA") dazu gebracht werden könnte, den Deal zu unterstützen. Der Plan wurde nie umgesetzt, aber er zeigt, wie Akteure aus Epsteins innerem Zirkel die Deutsche Bank als strategisches Ziel betrachteten.
Stern hatte zudem in der Vergangenheit fälschlicherweise behauptet, für die Deutsche Bank gearbeitet zu haben, eine Lüge, die seine Geschäfte mit dem britischen Königshaus legitimieren sollte.
Peter Mandelson, ehemaliger britischer Minister und EU-Kommissar, war eng mit Jeffrey Epstein verbunden. E-Mails aus dem Jahr 2010 zeigen, dass Epstein Mandelson zu einem potenziellen Beraterposten bei der Deutschen Bank beriet. Das Angebot war lukrativ: 1 Million Dollar Grundgehalt plus ein Bonus zwischen 3 und 9 Millionen Dollar.
Mandelson nahm die Stelle nicht an. Doch drei Jahre später, 2013, wurde er in das Board of Trustees der Deutschen Bank berufen, im selben Jahr, in dem Epstein Kunde der Bank wurde.
Die zeitliche Koinzidenz wirft Fragen auf über die Verflechtungen zwischen politischer Elite, Finanzinstituten und Epsteins Netzwerk.
Die Deutsche Bank zahlte Bill und Hillary Clinton insgesamt 1,25 Millionen Dollar für Reden und war ein Hauptsponsor der Clinton Global Initiative. Bill Clinton flog mehrfach in Epsteins Privatjet und wird in Gerichtsakten im Zusammenhang mit Epstein erwähnt.
Diese Verbindung ist weniger direkt als die anderen, aber sie illustriert ein Muster: Die Deutsche Bank pflegte systematisch enge Beziehungen zu politischen Machtzentren, parallel zu ihren Geschäften mit kontroversen Figuren wie Epstein und Trump.
Der ehemalige israelische Premierminister Ehud Barak unterhielt nach 2008 enge geschäftliche und persönliche Beziehungen zu Epstein. Finanzielle Transaktionen und Investitionen, die Epstein für oder mit Barak tätigte, liefen ab 2013 über seine Konten bei der Deutschen Bank.
Friedrich Merz, heute Vorsitzender der CDU und Kanzlerkandidat, war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. BlackRock ist der weltweit größte Vermögensverwalter mit tiefgreifenden Verbindungen zur Deutschen Bank und vielen der Akteure in Epsteins Umfeld.
Während keine direkten Verbindungen zwischen Merz und Epstein dokumentiert sind, zeigt seine Position bei BlackRock die Verflechtungen in den höchsten Kreisen der Finanzwelt, jene Kreise, in denen Epstein sich bewegte und in denen die Deutsche Bank operierte.
Für die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt es keine dokumentierten direkten oder indirekten Verbindungen zu Jeffrey Epstein. Ihre Erwähnung im Kontext dieser Recherche ergibt sich aus ihrer politischen Rolle während der Zeit, in der die Deutsche Bank ihre Geschäfte mit Epstein abwickelte (2013-2018).
Die Bundesregierung unter Merkel war in diesem Zeitraum nicht öffentlich mit den Vorgängen bei der Deutschen Bank befasst, zumindest nicht, bis die Skandale später öffentlich wurden.
Die Recherche nach weiteren spezifischen deutschen Akteuren, Lobbyisten, Think-Tank-Leitern, Medienmagnaten oder Stiftungsvorsitzenden, mit direkten Epstein-Verbindungen blieb weitgehend erfolglos. Dies könnte bedeuten:
Im Juli 2020 verhängte die New York State Department of Financial Services (NYDFS) eine Strafe von 150 Millionen Dollar gegen die Deutsche Bank. Die Begründung: "erhebliche Compliance-Fehler" im Umgang mit Jeffrey Epstein, aber auch mit den Korrespondenzbanken Danske Bank Estonia und FBME Bank.
Linda Lacewell, die Aufsichtsbehördenleiterin, formulierte es deutlich: "Banken sind die erste Verteidigungslinie gegen Finanzkriminalität. Die Deutsche Bank hat bei der Überwachung hochriskanter Kunden versagt und es unentschuldbar versäumt, Millionen von Dollar an verdächtigen Transaktionen zu erkennen oder zu verhindern, trotz Epsteins bekannter krimineller Vergangenheit."
Dies war die erste Strafmaßnahme einer Regulierungsbehörde gegen ein Finanzinstitut für dessen Geschäfte mit Jeffrey Epstein.
Im Mai 2023 einigte sich die Deutsche Bank auf einen Vergleich in Höhe von 75 Millionen Dollar mit Epsteins Opfern. Die Sammelklage hatte der Bank vorgeworfen, Epsteins Sexhandel wissentlich ermöglicht und davon profitiert zu haben.
Der Vergleich wurde als "bahnbrechend" bezeichnet, die größte Einigung dieser Art in der US-Geschichte zwischen einer Bank und Opfern von Menschenhandel. Individuelle Opfer können zwischen 75.000 und 5 Millionen Dollar erhalten, abhängig von ihren spezifischen Fällen.
Im Oktober 2023 bestätigte ein US-Richter den Vergleich endgültig.
Christian Sewing, CEO der Deutschen Bank, räumte ein: "Die Aufnahme von Epstein im Jahr 2013 war ein kritischer Fehler und hätte niemals passieren dürfen. Dies darf nicht wieder geschehen."
Die Bank betonte, über 4 Milliarden Euro in die Verbesserung ihrer Kontrollen, Prozesse und Schulungen investiert zu haben und mehr Personal zur Bekämpfung von Finanzkriminalität eingestellt zu haben.
Doch die Frage bleibt: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Die Geschichte der Deutschen Bank mit Epstein ist kein isolierter Vorfall. Sie reiht sich ein in eine Serie von Skandalen: Geldwäsche für russische Oligarchen über Danske Bank Estonia, fragwürdige Kredite an Donald Trump trotz multipler Warnzeichen, Manipulationen von Zinssätzen (LIBOR-Skandal), und vieles mehr.
Das Muster ist immer ähnlich: Lukrative, aber hochriskante Geschäfte werden über Compliance-Vorschriften und ethische Standards gestellt. Interne Warnungen werden ignoriert. Und erst wenn die Skandale öffentlich werden, reagiert die Bank, mit Entschuldigungen, Vergleichszahlungen und dem Versprechen der Besserung.
Die 150-Millionen-Dollar-Strafe war eine deutliche Botschaft. Doch Kritiker fragen: Warum erst 2020, ein Jahr nach Epsteins Tod? Hätte ein entschlosseneres Eingreifen bereits 2013 oder 2014 Epsteins kriminelle Aktivitäten behindern können?
Die Antwort ist unbequem: Wahrscheinlich ja. Die verdächtigen Transaktionen waren nicht subtil. Sie waren offensichtlich, für jeden, der hinschauen wollte.
Die Recherche nach spezifischen deutschen Personen mit direkten Epstein-Verbindungen fiel überraschend mager aus. Dies wirft Fragen auf:
Die wahrscheinlichste Antwort ist eine Kombination: Epsteins Operationszentren lagen in den USA, der Karibik und teilweise in Großbritannien und Israel. Deutschland war für ihn primär als Finanzplatz interessant, verkörpert durch die Deutsche Bank, die nach 2013 zu seinem wichtigsten Bankinstitut wurde.
Die Geschichte von Jeffrey Epstein und der Deutschen Bank ist mehr als ein Skandal über einen Sexualstraftäter und eine Bank, die wegschaute. Sie ist eine Geschichte über systemische Mängel in der globalen Finanzarchitektur, über die Verflechtungen zwischen Geld, Macht und politischem Einfluss.
Sie wirft fundamentale Fragen auf:
Die Deutsche Bank hat versprochen, sich zu ändern. Sie hat Milliarden investiert. Sie hat neue Prozesse eingeführt.
Aber die Erinnerung bleibt: Fünf Jahre lang war ein verurteilter Sexualstraftäter "Tier 1-Kunde" einer der größten deutschen Banken. Und niemand fand das problematisch genug, um es zu stoppen.
Dieser Artikel basiert auf öffentlich zugänglichen Dokumenten, Gerichtsakten, Regulierungsbehörden-Berichten und verifizierten Medienquellen. Alle Vorwürfe gegen lebende Personen beziehen sich auf dokumentierte Tatsachen oder sind als Spekulationen gekennzeichnet.