
Symbolbild
Wir verdienen es, sie besteuern es. Wir geben es aus, sie besteuern es. Wir sparen, sie besteuern. Wir investieren, sie besteuern. Wir bauen, sie besteuern. Wir verkaufen, sie besteuern. Wir bewohnen, sie besteuern. Wir fahren, sie besteuern. Wir essen, sie besteuern. Wir verschenken, sie besteuern. Wir vererben, sie besteuern. Wir haben es längst versteuert, sie besteuern es nochmal.
Diese Zeilen stammen nicht aus einem politischen Manifest, sondern aus der Feder eines Menschen, der beschreibt, was Millionen Deutsche täglich erleben: Die Erosion des Versprechens, durch ehrliche Arbeit zu Wohlstand zu kommen. Es ist der verzweifelte Ruf einer Mittelschicht, die sich im Hamsterrad abstrampelt und beobachten muss, wie ihr Anteil am selbst erarbeiteten Kuchen immer kleiner wird.
Eine umfassende Analyse zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland von 1949 bis 2055 bestätigt nun mit harten Zahlen, was viele längst im Bauch spüren: Das alte Sprichwort "Der Teufel scheißt auf den größten Haufen" beschreibt die ökonomische Realität präziser als jede Sonntagsrede über Leistungsgerechtigkeit. Wer bereits Vermögen besitzt, profitiert überproportional. Wer nur seine Arbeitskraft hat, arbeitet zunehmend für den Staat und verliert im Wettlauf gegen steigende Lebenshaltungskosten, explodierende Immobilienpreise und eine Abgabenlast, die von Generation zu Generation wächst.
Um zu verstehen, wie dramatisch sich die Verhältnisse verschoben haben, lohnt ein Blick zurück. Die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik waren geprägt von einem breitenwirksamen Wohlstandszuwachs. Das "Wirtschaftswunder" war keine hohle Phrase, sondern gelebte Realität. Die Einkommensmobilität zwischen den Generationen war hoch: Kinder konnten durch Bildung und Fleiß weiter aufsteigen als ihre Eltern, unabhängig von deren sozialem Status. Die Quote der Steuern und Sozialabgaben lag 1960 bei moderaten 33,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Vermögensverteilung war, verglichen mit heute, ausgeglichener.
Doch diese goldene Ära endete schrittweise. Bereits in den 1980er Jahren begannen sich die Vorzeichen zu ändern. Die soziale Mobilität nahm ab, die Herkunft wurde wieder wichtiger als die Leistung. Der Vermögensanteil der ärmeren Hälfte der Bevölkerung hat sich seit 1993 halbiert. Die breite Mittelschicht, die 1996 noch fast 65 Prozent der Bevölkerung umfasste, schrumpfte kontinuierlich auf nur noch 56 Prozent im Jahr 2016.
Heute präsentiert sich Deutschland als Land extremer Gegensätze: Das reichste Prozent der Haushalte vereint rund 25 Prozent des gesamten Nettovermögens auf sich. Der Gini-Koeffizient für Vermögensungleichheit erreicht Werte zwischen 0,77 und 0,81 und gehört damit zur weltweiten Spitze. Mit anderen Worten: Deutschland ist eines der ungleichsten Länder unter den entwickelten Industrienationen, wenn es um die Verteilung von Vermögen geht.
Um die abstrakten Statistiken greifbar zu machen, analysiert die Studie die finanzielle Entwicklung der fiktiven "Familie Müller" über sechs Generationen hinweg, von 1960 bis 2055. Die Ergebnisse sind ernüchternd und geben der Frustration vieler Menschen einen klaren Rahmen.
Generation 1960: Der harte Start Die Familie Müller, die 1960 ins Berufsleben startet, lebt bescheiden. Mit einem Alleinverdiener und einer Abgabenquote von 29 Prozent bleibt wenig übrig. Tatsächlich übersteigen die Lebenshaltungskosten das Nettoeinkommen leicht. Von Vermögensaufbau kann keine Rede sein. Doch die Hoffnung auf bessere Zeiten ist real, die Löhne steigen, und der Staat beansprucht über das gesamte Arbeitsleben "nur" 32 Prozent des Bruttoeinkommens.
Generation 1980: Der Aufstieg gelingt Zwanzig Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Der Partner arbeitet in Teilzeit, das gemeinsame Haushaltseinkommen steigt. Die Abgabenquote liegt bei 34 Prozent, doch es verbleibt erstmals ein signifikantes Sparpotenzial von über 20 Prozent des Nettoeinkommens. Über 30 Jahre kann die Familie real, also inflationsbereinigt, ein Vermögen von rund 114.000 DM durch Aktienanlage aufbauen. Der Traum vom Eigenheim ist greifbar. Der Staat nimmt sich 43 Prozent des Lebenseinkommens, doch das Versprechen des Aufstiegs durch Arbeit funktioniert noch.
Generation 2000: Hohe Sparquote, hohe Staatsquote Die Familie des Jahres 2000 verdient gut, beide Partner arbeiten nahezu gleichberechtigt. Die Sparquote erreicht beeindruckende 32 Prozent. Ein potenzieller Vermögensaufbau von über 635.000 Euro (inflationsbereinigt) bei Aktienanlage scheint möglich. Doch die Kehrseite ist dramatisch: Die Abgabenquote klettert auf über 40 Prozent, und der Gesamtanteil, den der Staat über das Arbeitsleben kassiert, explodiert auf 51 Prozent. Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte fließt mehr als die Hälfte des erwirtschafteten Einkommens direkt oder indirekt an den Staat.
Generation 2024: Das Hamsterrad Heute arbeiten beide Partner praktisch Vollzeit, um den Status der Mittelschicht zu halten. Das nominale Einkommen ist hoch, die Sparquote liegt bei 30 Prozent. Doch real, also unter Berücksichtigung der Inflation, stagniert der mögliche Vermögensaufbau trotz deutlich höherer Arbeitsbelastung auf dem Niveau der Generation 2000. Die Lebenshaltungskosten, vor allem die Mieten, fressen die nominalen Zuwächse auf. Der Staat beansprucht weiterhin 50 Prozent des Lebenseinkommens. Der Erwerb einer Immobilie ist für diese Generation zur fast unlösbaren Aufgabe geworden, da die Preise den Einkommen davongelaufen sind.
Generation 2055: Die düstere Prognose Die Prognosen für die Zukunft sind alarmierend. Die Abgabenquote wird auf 52 Prozent steigen. Der demografische Wandel und die Belastung der Sozialsysteme erzwingen weitere Erhöhungen. Die Sparquote sinkt trotz hoher Erwerbsbeteiligung beider Partner auf 21 Prozent. Der Anteil, den der Staat sich vom gesamten Lebenseinkommen nimmt, erreicht erschreckende 59 Prozent. Mit anderen Worten: Die Familie Müller des Jahres 2055 arbeitet mehr als die Hälfte ihres Lebens direkt oder indirekt für den Staat.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Mechanismen, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben:
Erstens: Die Abgabenschraube dreht sich nur in eine Richtung. Von 29 Prozent im Jahr 1960 auf prognostizierte 52 Prozent im Jahr 2055. Diese Verdopplung der direkten Abgabenlast ist der entscheidende Faktor, der den privaten Vermögensaufbau systematisch erschwert. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer auf jeden Konsum und am Ende des Lebens die Erbschaftssteuer auf das mühsam Ersparte.
Zweitens: Arbeit versus Kapital. Die Analyse zeigt überdeutlich: Ein realer Vermögensaufbau gelingt fast ausschließlich durch Investitionen in Kapitalmärkte wie Aktien oder Immobilien. Das klassische Sparen auf dem Sparbuch führt inflationsbereinigt zu Stagnation oder Verlust. Wer also kein Startkapital hat, um zu investieren, und die Mehrheit hat das nicht, ist vom Vermögenswachstum abgekoppelt. Die Renditen auf Kapital übersteigen die Wachstumsraten der Löhne bei Weitem. Das System begünstigt strukturell jene, die bereits besitzen.
Drittens: Die Immobilienfalle. Immobilien waren traditionell der wichtigste Baustein des Vermögensaufbaus für die Mittelschicht. Doch die Preise sind den Einkommen enteilt. Was früher mit einem soliden Einkommen und diszipliniertem Sparen über 10 bis 15 Jahre erreichbar war, ist heute selbst für Doppelverdiener mit guten Jobs oft unerreichbar. Der Traum vom Eigenheim wird für viele zum unerreichbaren Luxus.
Viertens: Die Erbschaftsfalle. In einer Gesellschaft mit geringer sozialer Mobilität wird die Erbschaft zum entscheidenden Faktor. Große Vermögen werden überwiegend nicht erarbeitet, sondern vererbt. Und selbst das bereits mehrfach versteuerte Ersparte wird bei der Weitergabe an die nächste Generation nochmals zur Kasse gebeten, sofern es die nicht unerheblichen Freibeträge übersteigt. Die Ungleichheit zementiert sich über Generationen.
Die Folgen dieser Entwicklung sind weitreichend und bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt:
Die Mittelschicht bröckelt. Sie war über Jahrzehnte das stabilisierende Zentrum der Gesellschaft. Ihr Schrumpfen bedeutet nicht nur ökonomische Verschiebungen, sondern gefährdet die soziale und politische Stabilität. Aus der breiten, optimistischen Mitte wird eine schmale, verunsicherte Schicht, die mehr Angst vor dem Abstieg hat als Hoffnung auf Aufstieg.
Die Leistungsgesellschaft wird zur Fiktion. Wenn nicht mehr Bildung und Anstrengung über den Erfolg entscheiden, sondern primär die Herkunft und das ererbte Vermögen, verliert das zentrale Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft seine Glaubwürdigkeit. Die Frustration wächst, das Vertrauen in die Fairness des Systems schwindet.
Die Automatisierung verschärft die Spaltung. Deutschland gehört mit 415 Robotern pro 10.000 Mitarbeiter zur Weltspitze der Automatisierung. Das sichert die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, stellt aber den Arbeitsmarkt vor gewaltige Herausforderungen. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 bis zu 25 Prozent der heutigen Arbeitsstunden automatisiert werden könnten. Es droht eine Polarisierung: Auf der einen Seite hochqualifizierte, gut bezahlte Jobs in Technologie und Wissensarbeit. Auf der anderen Seite prekäre, schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs oder Abhängigkeit von staatlichen Transfers. Wer keine gefragten Qualifikationen hat, wird abgehängt.
Der demografische Tsunami rollt heran. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Rente. Das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen wird dramatisch steigen. Die Sozialsysteme, die auf dem Umlagesystem basieren, kommen an ihre Grenzen. Die Folgen sind absehbar: sinkende Rentenniveaus, steigende Beitragssätze, längere Lebensarbeitszeit. Die Last wird vor allem auf den jüngeren Generationen ruhen, die bereits heute unter hohen Abgaben leiden.
Die Studie skizziert drei mögliche Zukünfte:
Das Worst-Case-Szenario: Die neofeudaleGesellschaft. Politische Reformen scheitern. Eine kleine Technologie- und Kapitalelite kontrolliert die produktiven Vermögenswerte. Die Masse der Bevölkerung ist in prekären Jobs oder abhängig von minimalen staatlichen Transfers. Die Mittelschicht ist Geschichte. Hohe soziale Kontrolle und politische Apathie prägen die Gesellschaft.
Das Best-Case-Szenario: Die Post-Arbeitsgesellschaft. Mutige Reformen gelingen. Die Produktivitätsgewinne der Automatisierung werden durch neue Umverteilungsmechanismen, etwa ein Bedingungsloses Grundeinkommen oder eine deutlich höhere Besteuerung von Kapital und Unternehmensgewinnen, breit verteilt. Arbeit verliert ihre zentrale Rolle als alleinige Quelle für Einkommen und Identität. Massive Investitionen in Bildung und lebenslanges Lernen schaffen neue Chancen.
Das wahrscheinlichste Szenario: Die fragmentierte Hybridgesellschaft. Die Sozialsysteme bestehen fort, aber auf niedrigerem Niveau und mit höheren Eigenbeteiligungen. Der Arbeitsmarkt ist tief gespalten zwischen Gewinnern und Verlierern der Digitalisierung. Die Gesellschaft ist von permanenten Verteilungskämpfen geprägt. Der Vermögensaufbau bleibt fast ausschließlich jenen vorbehalten, die bereits Kapital besitzen oder zu den Hochqualifizierten gehören.
Das alte Sprichwort "Der Teufel scheißt auf den größten Haufen" ist keine zynische Binsenweisheit, sondern eine präzise Beschreibung der ökonomischen Gravitationsgesetze: Kapital zieht Kapital an. Wer viel hat, profitiert von Renditen, Steuervorteilen, Netzwerken und der Macht, Risiken zu streuen. Wer wenig hat, zahlt proportional mehr Steuern auf sein Arbeitseinkommen, hat kaum Spielraum zum Investieren und ist den Schwankungen des Arbeitsmarktes schutzlos ausgeliefert.
Die Zahlen lügen nicht: Die Generation, die 2055 ins Berufsleben startet, wird 59 Prozent ihres Lebenseinkommens direkt oder indirekt an den Staat abgeben. Sie wird trotz hoher Erwerbsbeteiligung beider Partner real kaum mehr Vermögen aufbauen können als die Generation ihrer Großeltern, die noch mit einem Alleinverdiener auskam.
Diese Analyse ist kein Plädoyer für Resignation, sondern ein Weckruf. Die Zahlen zeigen unmissverständlich: Ein "Weiter so" führt in eine Gesellschaft, die dem Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit Hohn spricht. Wer den sozialen Zusammenhalt und das Versprechen des Aufstiegs durch Arbeit erhalten will, muss handeln.
Die notwendigen Reformen sind komplex, aber klar umrissen: Eine grundlegende Reform des Steuer- und Abgabensystems, die Arbeit entlastet und Vermögen sowie Erbschaften gerechter besteuert. Massive Investitionen in Bildung und lebenslanges Lernen, um Menschen für die Arbeitswelt der Zukunft zu rüsten. Ein demografiefester Umbau der sozialen Sicherungssysteme. Und eine ehrliche Debatte darüber, wie die Produktivitätsgewinne der Automatisierung verteilt werden.
Der Staat ist nicht der Feind. Steuern finanzieren Bildung, Infrastruktur, Sicherheit und soziale Absicherung, all das, was eine zivilisierte Gesellschaft ausmacht. Doch das Maß muss stimmen. Wenn die arbeitende Mitte einer Gesellschaft mehr als die Hälfte ihres Lebenseinkommens abgibt und trotzdem kaum Vermögen aufbauen kann, während Kapitalbesitzer überproportional profitieren, dann ist das System aus der Balance geraten.
Wir verdienen es, sie besteuern es. Wir sparen, sie besteuern. Wir vererben, sie besteuern. Wir haben es längst versteuert, sie besteuern es nochmal.
Diese Zeilen sind mehr als eine Klage. Sie sind eine Diagnose. Die Analyse bestätigt: Das Sprichwort stimmt. Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Und die ehrliche Arbeit allein reicht nicht mehr, um Vermögen aufzubauen und den Kindern eine bessere Zukunft zu sichern.
Die Frage ist nicht, ob diese Analyse unangenehme Wahrheiten ausspricht. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, die Konsequenzen zu ziehen. Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Jetzt ist es an der Politik und an uns allen, eine Antwort zu geben.
Denn eines ist klar: Eine Gesellschaft, in der nur noch jene zu Wohlstand kommen, die bereits Wohlstand geerbt haben, ist keine Leistungsgesellschaft mehr. Sie ist eine Erbschaftsaristokratie. Und das kann nicht die Zukunft sein, die wir unseren Kindern hinterlassen wollen.
Dieser Artikel basiert auf der Studie "Analyse der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland 1949-2055: Eine Überprüfung der These 'Der Teufel scheißt auf den größten Haufen' und die Möglichkeit des Vermögensaufbaus durch Arbeit", Dezember 2025.