
Symbolbild
Wir leben in einer Epoche der zersplitterten Realitäten. Wer seine Informationen ausschließlich aus den traditionsreichen Leitmedien bezieht, blickt auf ein völlig anderes Land als jene, die sich alternativen oder unabhängigen Nachrichtenformaten zuwenden. Diese medialen Parallelwelten führen dazu, dass wir längst keine gemeinsame Faktenbasis mehr haben. Wenn etablierte Medienmacher krachend scheitern, bekommt die andere Hälfte der Gesellschaft davon schlichtweg nichts mehr mit, man richtet es sich in der eigenen Komfortzone bequem ein.
Besonders drastisch zeigt sich dieser Mechanismus, wenn Vertreter der etablierten Presse unabhängige Formate ins Visier nehmen. Ein aktuelles und bezeichnendes Beispiel ist der Umgang des Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit dem Podcaster und YouTuber Ben ungeskriptet. Als das Magazin kürzlich einen kritischen Artikel über ihn und eine seiner Sendungen veröffentlichte, wurde eine elementare Grundregel des Journalismus schlichtweg ignoriert: die Konfrontation. Statt sich an den journalistischen Anstand zu halten, den Betroffenen vorab zu kontaktieren und ihm die Möglichkeit zur Stellungnahme zu den Vorwürfen zu geben, kratzte man sich lieber ein paar Informationen von seinem LinkedIn-Profil zusammen. Wenn Leitmedien nicht einmal mehr diese minimalen Handwerksregeln anwenden, verrät das viel über die mangelnde Bereitschaft zur echten inhaltlichen Auseinandersetzung.
Doch die weitaus gefährlichere Entwicklung läuft wesentlich subtiler ab. Der Staat nutzt zur Disziplinierung von Abweichlern und Kritikern längst nicht mehr nur die eigenen Behörden, sondern bedient sich einer Art Schattenarmee: Einem milliardenschweren Netzwerk aus Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Hier zeigt sich die ganze Absurdität des Begriffs „NGO“, denn ohne den stetigen Fluss von staatlichen Fördergeldern würden viele dieser Initiativen, die sich den Kampf gegen unliebsame Meinungen auf die Fahnen geschrieben haben, sofort in sich zusammenfallen.
Der Jurist und Publizist Joachim Steinhöfel liefert in seinem Buch für diese bedenkliche Symbiose aus Staat und Aktivismus ein brillantes Bild: Er nennt es die „Tulsa-King-Doktrin“. In der zitierten Netflix-Serie gibt es eine prägnante Konfrontation zwischen einem FBI-Agenten und dem von Sylvester Stallone verkörperten Mafiaboss. Der Ermittler macht dem Kriminellen ein unmissverständliches Angebot. Sinngemäß sagt er: „Als staatliche Behörde sind uns durch Gesetze die Hände gebunden. Wir dürfen bestimmte Dinge nicht tun. Aber du kannst sie für uns erledigen.“
Genau diese Arbeitsteilung lässt sich auf das heutige System übertragen. Der Staat ist an das Grundgesetz gebunden, er darf Zensur und flächendeckende Einschüchterung nicht selbst betreiben. Also lagert er das „schmutzige Geschäft“ einfach aus. Er finanziert vermeintlich unabhängige Meldestellen und investigativ auftretende Kollektive (wie etwa das stark in die Kritik geratene Netzwerk Correctiv), damit diese publizistischen Druck aufbauen und Kritiker mit Abmahnwellen und Strafanzeigen überziehen.
Man denke nur an die viel diskutierten „Recherchen“ aus dem Fall des Potsdamer Treffens, deren alarmistische Erzählungen bei genauerer rechtlicher Betrachtung wie Seifenblasen zerplatzten. Innerhalb der Filterblase der Leitmedien wurde das jedoch nie als Niederlage verbucht, die jeweilige Anhängerschaft liest und glaubt weiterhin nur das, was das eigene Weltbild bestätigt.
Um diesen toxischen Kreislauf zu durchbrechen, bräuchte es vor allem eines: Intellektuelle Offenheit. Es ist eine faszinierende und oftmals heilsame Erfahrung, sich bewusst Texten und Ansichten auszusetzen, die den eigenen Überzeugungen radikal widersprechen. Man darf sich darüber ärgern, man darf sie verwerfen, aber mitunter zwingen sie einen zur wertvollsten aller Erkenntnisse: Den eigenen Irrtum einzugestehen und den Kurs zu korrigieren. Daran ist noch niemand gescheitert. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns alle wieder öfter dazu zwingen würden, die Welt für ein paar Minuten am Tag bewusst durch die Augen der Gegenseite zu betrachten.