Was wir verloren haben

Symbolbild

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Ich komme aus der DDR. Und nein, ich will daraus kein Märchen machen. Die DDR hatte ihre Fehler, und manche davon waren schwer. Aber es gibt etwas, das man heute kaum noch nüchtern aussprechen darf, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden: Damals war die Grundlinie richtiger gezogen.

Was heißt das?

Es heißt, dass das, was ein Mensch zum Leben braucht, für alle da war. Lebensmittel, Dinge des täglichen Bedarfs, Hygieneartikel, Zeitungen, etwas Süßkram, Genussmittel, die einfache Grundversorgung des Alltags. In fast jedem Dorf gab es einen Konsum. Kurze Wege waren normal. Regionalität war kein Werbespruch, sondern Wirklichkeit. Versorgung war nicht irgendein Geschäftsmodell, sondern Teil des Lebensraums.

Heute wird uns Fortschritt als Vielfalt verkauft. Volle Regale, riesige Märkte, bunte Verpackungen, unendliche Auswahl. Aber was ist das für ein Fortschritt, wenn Menschen trotz all dieser Fülle am Monatsende nicht genug Geld für vernünftige Lebensmittel haben? Was ist das für ein Fortschritt, wenn alleinerziehende Mütter oder Väter sparen, verzichten oder selbst hungern müssen, damit die Kinder etwas auf dem Teller haben? Was ist das für ein Fortschritt, wenn zwar alles da ist, aber das Gute unbezahlbar wird?

Hier liegt der Unterschied, den viele nicht mehr sehen wollen. Früher gab es Mangel am Rand. Heute gibt es Mangel im Kern.

Früher musste man auf ein Auto warten. Man musste auf Baustoffe warten. Man musste auf Orangen oder Bananen warten. Das war unerquicklich, manchmal ärgerlich, manchmal unerquicklich genug, um daran zu verzweifeln. Aber es war kein Mangel, der an der Existenz nagte. Niemand musste hungern, weil das Geld nicht reichte. Niemand musste minderwertiges Zeug kaufen, weil richtige Lebensmittel zu teuer waren. Niemand musste sich zwischen Essen und etwas anderem Lebensnotwendigem zerreißen.

Heute ist das anders. Heute gibt es Überfluss am Rand und Unsicherheit im Zentrum. Es fehlt nicht an Luxus. Es fehlt an Sicherheit. Es fehlt an Bezahlbarkeit. Es fehlt an Verlässlichkeit. Das Lebensnotwendige ist nicht mehr selbstverständlich geschützt, sondern immer stärker vom Geldbeutel abhängig.

Auch die Mobilität wird heute oft völlig falsch erzählt. So, als sei frühere Mobilität vor allem ein Problem gewesen, weil nicht vor jedem Haus ein Auto stand. Aber eingeschränkt in der Alltagsmobilität war damals auf dem Land niemand in der Weise, wie es heute viele sind. In jedes kleine Kaff, und wenn dort nur drei Häuser standen, fuhr von morgens bis abends ein Bus. Vielleicht nicht luxuriös, vielleicht nicht im Fünf-Minuten-Takt, aber verlässlich. Man kam zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt, zum Einkaufen. Mobilität war bezahlbar, weil sie subventioniert wurde. Sie war als öffentliche Aufgabe gedacht, nicht als Privatproblem.

Heute sieht die Wahrheit vielerorts so aus: Ohne Auto bist Du abgeschnitten. Der Bus fährt selten oder gar nicht. Der Arzt ist weit weg. Der Laden ist weg. Das Dorf ist ausgedünnt. Die Wege werden länger, die Abhängigkeit größer, die Kosten höher. Man nennt das modern. In Wahrheit ist es oft nur die Privatisierung dessen, was früher als Grundversorgung galt.

Auch bei den Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen hat sich die Welt in die falsche Richtung bewegt. Die Qualität der Lebensmittel war gut. Nicht perfekt, nicht immer glänzend verpackt, nicht in dreißig Varianten. Aber gut. Sie hatten Substanz. Gebrauchsgegenstände waren robust. Sie waren reparabel. Sie waren dafür gemacht, benutzt zu werden und lange zu halten. Heute ist vieles schicker, glatter, leichter, austauschbarer. Es sieht besser aus und hält kürzer. Es glänzt mehr und taugt weniger. Auch das ist kein Fortschritt.

Natürlich war nicht alles richtig. Gerade deshalb muss man ehrlich bleiben. Es gab Fehlsteuerungen, die man klar benennen muss. Wenn ich ein lebendes Kaninchen abgeliefert habe und dafür fünfzig Mark bekam, dieses dann fertig zum Braten im Laden aber für fünfundzwanzig Mark zu kaufen war, dann stimmte etwas nicht. So war es auch mit Schweinen, Eiern oder Hühnern. Wer privat Vieh gezüchtet oder gemästet hat, konnte damit gutes Geld verdienen, während das fertige Produkt später unter Einkaufspreis verkauft wurde. Das geht natürlich nicht. Das hätte man anders regeln müssen.

Der soziale Gedanke dahinter war nachvollziehbar: Grundnahrungsmittel sollten bezahlbar sein. Aber wenn der Ladenpreis die Wirklichkeit nicht mehr abbildet, dann stimmt die Preisrelation nicht mehr. Dann wird die Wahrheit verdeckt. Das war ein echter Fehler. Man hätte bezahlbare Grundversorgung sichern müssen, ohne die ökonomische Logik völlig aus den Angeln zu heben.

Aber dieser Fehler ändert nichts an der größeren Wahrheit: Damals war die Grundlinie richtiger gezogen.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob es damals immer alles gab. Die entscheidende Frage lautet, was höher stand: der Luxus oder das Lebensnotwendige. Und da fällt meine Antwort klar aus. Damals standen Versorgung, Erreichbarkeit, Bezahlbarkeit und Alltagssicherheit weiter oben. Heute stehen Auswahl, Verfügbarkeit, Konsumfülle und Warenästhetik weiter oben. Das wird dann Fortschritt genannt, obwohl viele Menschen spüren, dass hier etwas Grundsätzliches verrutscht ist.

Ein Land ist nicht deshalb sozial, weil im Winter Bananen im Regal liegen. Ein Land ist auch nicht deshalb modern, weil der Supermarkt hundert Sorten Joghurt anbietet. Sozial und modern ist ein Land dann, wenn niemand bei echter Nahrung sparen muss. Wenn ein Dorf noch versorgt werden kann. Wenn Mobilität nicht am Autobesitz hängt. Wenn Dinge so gebaut werden, dass sie halten. Wenn der Alltag nicht zur Dauerprüfung der Zahlungsfähigkeit wird.

Was verloren gegangen ist, ist nicht nur eine Ladenkette namens Konsum. Verloren gegangen ist eine Priorität. Verloren gegangen ist das Bewusstsein, dass eine Gesellschaft zuerst das Lebensnotwendige sichern muss und erst danach den Luxus feiern kann. Heute ist es oft umgekehrt. Der Luxus glänzt, und das Notwendige wird prekär.

Hören wir auf, Fortschritt mit Konsumfülle zu verwechseln. Fragen wir uns wieder: Was braucht ein Mensch wirklich, um würdig zu leben? Essen. Erreichbarkeit. Bezahlbarkeit. Haltbare Dinge. Kurze Wege. Ein Gefühl von Sicherheit im Alltag.

Eine Gesellschaft, die das nicht mehr zuverlässig gewährleistet, hat nicht einfach nur ihre Ordnung verändert. Sie hat ihre Maßstäbe verloren.

 

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