Zwischen zwei Welten: Erinnerungen eines Kindes der DDR

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Ich bin in der DDR aufgewachsen. Für viele Menschen ist das heute ein Kapitel in Geschichtsbüchern, ein politisches Symbol oder ein nostalgischer Begriff. Für mich ist es ein Stück gelebtes Leben, geprägt von Orten, Gerüchen, Begegnungen und Momenten, die sich tief in meine Erinnerung eingebrannt haben. Einer dieser Momente ereignete sich, als ich vier oder fünf Jahre alt war. Es muss 1977 oder 1978 gewesen sein. Wir wohnten in Wismar, Burgwall 5, ganz oben in einer Dachwohnung. Die schrägen Wände, das knarrende Holz, der Blick über die Dächer, all das war meine kleine Welt.

Schräg gegenüber, etwas mehr als einen Kilometer Luftlinie entfernt, lag die russische Kaserne. Das Gelände existiert heute noch. Dort steht jetzt das Phantechnikum, ein Technikmuseum. Damals war es ein Ort, den wir Kinder nur aus der Ferne kannten. Ein Ort, der gleichzeitig nah und unendlich weit weg war.

An einem Tag, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, saß ich auf der Toilette. Ein ganz normaler Moment im Leben eines kleinen Kindes. Ich war fertig, stand auf, machte die Tür hinter mir zu und wollte gerade zurück ins Wohnzimmer gehen. In diesem Augenblick erschütterte ein gewaltiger Knall das ganze Haus. Glas splitterte, ein Krachen erfüllte die Luft, ein Geräusch, das ich bis heute in mir trage. Ich drehte mich um, öffnete die Tür wieder und sah ein großes, qualmendes, geschoßförmiges Etwas mitten im Bad liegen. Genau dort, wo meine Füße gewesen wären, wenn ich ein paar Sekunden länger gesessen hätte.

Ich ging zu meinen Eltern ins Wohnzimmer. Sie hatten nichts gehört, vielleicht weil der Fernseher zu laut war. Erst als ich sie rief, kamen sie und sahen das zerstörte Fenster, die Splitter, das qualmende Geschoss. Mein Vater dichtete das Fenster später mit Pappe ab. So war das damals. Man machte einfach weiter. Ein paar Tage später erfuhren wir, was passiert war. Russische Soldaten hatten zu viel Wodka gehabt und mit einer Übungshaubitze herumgespielt. Ein Schuss löste sich. Zum Glück war es nur eine Attrappe. Aber das wusste ich damals nicht.

Originalfoto, Maßlow-Ausbau, Sommer 1984

Originalfoto, Maßlow-Ausbau, Sommer 1984

Im November 1981 zogen wir aufs Land, nach Maßlow‑Ausbau. Für mich war das ein kompletter Wechsel der Welt. Statt der teilweise grauen Straßen von Wismar gab es Felder, weite Wege und das Gefühl, dass der Himmel größer geworden war. Ich ging in Lübow zur Schule, und dort standen wir unter der Woche, täglich an der Bushaltestelle. Es war kalt, manchmal neblig, manchmal roch es nach feuchter Erde oder nach frisch geernteten Feldern. Und immer wieder hörten wir sie schon von weitem.

Die Kolonnen

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Es waren die typischen sowjetischen Ural‑LKW der 70er Jahre, hauptsächlich die Modelle Ural‑375D mit Benzinmotor. Olivgrün, schwer, laut, mit diesem unverwechselbaren Geruch nach Benzin, Metall und Abgasen. Ganze Reihen davon fuhren an uns vorbei, manchmal langsam, manchmal überraschend schnell. Die Fahrer waren junge Burschen, kaum älter als achtzehn. Viele wirkten müde, manche winkten uns Kindern zu, manche starrten einfach nur geradeaus. Sie mussten stundenlang fahren, oft übermüdet, oft überfordert. Es kam immer wieder zu Unfällen. Und wir, die deutsche Bevölkerung, hatten Mitleid mit ihnen. Nicht mit dem System, nicht mit der Armee, sondern mit den Jungen, die da saßen, weit weg von zu Hause, in einem Land, das nicht ihres war.

März 1989

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Im März 1989 flogen wir zur Klassenabschlussfahrt nach Kiew. Es war das erste Mal, dass ich die Sowjetunion bewusst erlebte. Wir waren Jugendliche, neugierig, laut, manchmal respektlos. Wir machten uns über vieles lustig, ohne zu verstehen, in welchem historischen Moment wir uns befanden. In der DDR selbst waren wir nicht begeistert von der sowjetischen Präsenz. Die Besatzung war spürbar, und manche Entscheidungen wirkten aus heutiger Sicht absurd. Ich erinnere mich daran, wie tonnenweise Kartoffeln aus der DDR in die Sowjetunion transportiert wurden. Es fühlte sich an, als müsse der kleine Arbeiterstaat den riesigen Verbündeten miternähren.

Doch gleichzeitig lernten wir etwas, das sich tief eingeprägt hat. Die sowjetischen Menschen, denen wir begegneten, waren verlässlich. Wenn sie etwas sagten, dann meinten sie es. Ihr Wort hatte Gewicht. Es war eine Art von Ehrlichkeit, die nicht laut war, nicht inszeniert, nicht auf Wirkung bedacht. Sie war einfach da. Und sie war spürbar, selbst für uns Jugendliche, die vieles nicht verstanden, aber sehr genau fühlten, wie Menschen miteinander umgehen.

Heute lebe ich länger im westlichen System als im östlichen. Ich kenne beide Welten. Ich kenne ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Oberflächen und ihre Tiefen. Der Westen glänzt. Er ist modern, effizient, selbstbewusst. Er präsentiert sich gut. Er spricht gut. Er verkauft sich gut. Doch unter dieser glänzenden Oberfläche habe ich oft etwas anderes gespürt. Eine Art Unsicherheit, die sich hinter Professionalität versteckt. Eine Art Distanz, die sich hinter Höflichkeit verbirgt. Eine Art Unverbindlichkeit, die sich hinter schönen Worten tarnt.

Der Osten war anders. Rau, manchmal hart, manchmal ungerecht, manchmal schwer zu ertragen. Aber oft ehrlich. Nicht im politischen Sinne, sondern im menschlichen. Die Menschen sagten, was sie dachten. Sie hielten ihr Wort. Sie waren direkt. Sie waren nicht perfekt, aber sie waren echt. Und diese Echtheit hat sich tief in mir verankert.

Wer nur ein System kennt, sieht die Welt zwangsläufig durch eine einzige Linse. Wer zwei Systeme erlebt hat, sieht die Brüche, die Übergänge, die Widersprüche und die Gemeinsamkeiten. Ich habe beide erlebt. Ich habe gelernt, dass kein System nur gut oder nur schlecht ist. Ich habe gelernt, dass Menschen oft mehr verbindet als trennt. Und ich habe gelernt, dass die Wahrheit selten dort liegt, wo die lautesten Stimmen sie verorten.

Meine Erinnerungen sind kein Urteil über Staaten. Sie sind ein Stück gelebtes Leben. Sie sind der Blick eines Menschen, der zwischen zwei Welten aufgewachsen ist und der gelernt hat, dass die glänzende Oberfläche des Westens nicht immer hält, was sie verspricht, und dass die rauen Kanten des Ostens manchmal mehr Wärme enthalten, als man auf den ersten Blick sieht.

 

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